xplore Berlin 2022 oder “Flowers build no trust”

Credit: Photographer: Shantel Liao

xplore Berlin 2022 oder “Flowers build no trust”

156 Views

Im Vortrag „BDSM und Psychotherapie“ sagte die Psychologische Psychotherapeutin Gisela Fux Wolf so treffend, dass sich in der Vergangenheit wohl einige bekannte Psychologen praktische Informationen von Minoritäten geholt haben, die sie später als Fachliteratur veröffentlichten. Die wenigsten unter ihnen hätten dagegen eigene Erfahrungen in der Szene gemacht, was nicht weiter verwunderlich ist, wurde doch in der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD) bis zur Neuauflage 11, gültig seit 01.2022, aber wohl frühstens in fünf Jahren in Gebrauch, das Praktizieren von BDSM als pathologisch eingestuft. Umso dankbarer war ich daher für den schönen Schlusssatz, der in etwa lautete: „Mediziner und Psychologen könnten so einiges von Kinkstern lernen.“

Nun waren die Vorträge, u.a. der über Polyamorie meiner sehr geschätzten Kollegin Karina Kehlet Lins, die hier über ihren ersten xplore Besuch 2018 berichtet das akademischste an diesem „Festival on the Art of Lust“ welches nach 2 Jahren Pause nun wieder unter normalen Bedingungen in der Malzfabrik in Berlin stattfinden konnte. Kurz zusammengefasst ging es in diesen drei Tagen um das Eintauchen in ein Event mittels Workshops und angeleiteter Erfahrungen, sowie kuratierter Spielräume mit Fokus auf den sexuellen Körper und Sexualität als künstlerischen Ausdruck.

Ein Wiedersehen nach 14 Jahren

Für mich persönlich war es ein nach-Hause-kommen der ganz besonderen Art, denn ich habe viele viele Nächte auf diesem Gelände verbracht. War hier schließlich bis 2008 der legendäre KitKat Club beheimatet, in dessen Dachgeschoss Psy-Trance Partys meiner damaligen Veranstaltungscrew stattfanden. Ich erkannte den gekachelten Boden im Hauptraum sofort wieder, auch wenn er nun zu zwei Dritteln mit einem hellen, weichen Teppichboden belegt war. Das DJ Pult und die Bühne fehlten, aber im Treppenhaus sind noch die gemalten Namen an den Wänden und die Sterne auf dem Boden. Draußen hat sich die brache Fläche in einen wunderschönen gartenähnlichen Grünstreifen verwandelt und „mein“ Dachgeschoss erstrahlt nun hellgrau und lichtdurchflutet.

Und dann erstmal ein Schock

Besonders eindrücklich war auch für meine Begleitung das Eintreffen. Ich schrieb meinem Mann, wie er zum Vortragsraum kommt und er erzählte mir später, wie der erste Moment dann doch etwas schockierend für ihn war. An der Garderobe vorbei gelangte man in die großzügige Kachelhalle. Von da aus ging es rechter Hand ins Treppenhaus, durch das man im Untergeschoss den Tankraum erreichte, wo die Lectures stattfanden. Ich hatte der Einführungsveranstaltung für Erstbesucher in der Kachelhalle beigewohnt und traute meinen Augen kaum, wie sich der Raum nun in atemberaubender Geschwindigkeit in ein riesiges Körperarbeitszentrum verwandelte. An dieser Stelle fand ich es schade, keine Fotos machen zu dürfen. Die warme Stimmung des mit an die 40 Massageliegen bestückten Raums mit dem durch die großen Fenster einströmenden Sonnenlicht, hätte ich so gerne eingefangen, während ich sonst natürlich den Schutz der Privatsphäre aller Teilnehmer – mir eingeschlossen – sehr zu schätzen wusste.

Mein Mann kam wie gesagt etwas später und der Kinky Lomi Massage Workshop war in vollem Gange. Man stelle sich nun also die besagten Liegen vor, bestückt mit nahezu unbekleideten Menschen, die auf spielerische Weise eine hawaiianische Heilmassage mit kinky Spiel-Elementen, wie Spanking (das mit der Hand auf den Allerwertesten) oder an den Haaren ziehen gegenseitig ausüben und probieren. Nur einen Tag später befanden wir uns als Teilnehmer in besagter Experience und ich durfte am eigenen Leib (leider nur sehr kurz) in diese Kreation hineinspüren, bei der die Geborgenheit spendenden Lomi-Berührungsbewegungen mit kreativen und erotischen Elementen aus dem Kink verschmelzen. Natürlich kann in so einem Rahmen nur ein kleiner ‚Taste of‘ realisiert werden.

Muster und Bewusstheit

Mein persönliches Highlight war ein Workshop, in dem es nach einer berührenden Präsentation zu einem Erfahrungsspiel kam, bei dem die Teilnehmer Muster an sich und anderen entdecken konnten. Dazu bekamen wir randomisiert Zahlen auf den Rücken geklebt und durften uns die auch gegenseitig nicht verraten. Im Spiel ging es nun darum, sich in Gruppen mit möglichst hoher Summe zusammenzufinden. Das war ein Gewusel und ich war froh, dass mich eine Teilnehmerin schnappte und einfach die Regie übernahm. Mir war schnell klar, dass ich keine sehr hohe Zahl abbekommen hatte, denn um diese gab es ein regelrechtes Gerangel. Nachdenklich macht mich noch immer die Beobachtung einer Teilnehmerin, welche beim anschließenden Austausch sagte, sie habe sich diebisch gefreut, dass diese modelgleichen Frauen mit einer zufällig sehr niedrigen Zahl durch dieses Spiel mal erleben durften, wie es sich anfühlt, wenn man für andere stehen gelassen wird.

Im nächsten Teil kam es zu einer Art Bewusstseinsarbeit, ähnlich dem wie ich sie von meinen Lehrern her kenne. Es bewegt mich immer noch sehr, unterschiedlichste Menschen in dieser Form miteinander in Kontakt gehen zu sehen und ich feiere die Dozenten für ihre einfühlsame Erklärung und das Halten eines so intimen Raumes jenseits von Erotik, was im selben Zug erotisches Potential erschuf.

Was hat Trauern mit Liebe zu tun?

Besucht habe ich außerdem einen Workshop über Trauer und die leidenschaftliche Praxis des Klagens. Gelernt habe ich darin, meinen persönlichen Klageton sanft hervortreten zu lassen. Wozu?

„Trauer ist notwendig. Trauer dient dem Leben.
Trauer wird oft unterdrückt, ignoriert und die Menschen versuchen oder werden ermutigt, „davon wegzukommen“.
Trauer ist auch eine Form der Liebe.
Trauer findet statt, wenn wir Personen und Dinge, die wir geliebt haben und die uns wichtig sind, verloren haben.
Wir können auch um Teile von uns selbst trauern, die wir verloren haben oder die wir nie vollständig gekannt haben.
Trauer ist das einzige, das wir noch tun können, wenn wir alles versucht haben und gescheitert sind.“

Abschließend durfte ich einem berührenden Trauerritual beiwohnen inklusive Chanten und feierlicher Händewaschungen.

Bei „Deine Lust ist meine Lust“ waren Paare eingeladen ihre Angst gegen Neugier und ihre Zweifel gegen Zuversicht sowie Vertrauen einzutauschen. Der Mensch könnte sich auch fragen: was mache ich statt Eifersucht und zwar nicht im Sinne von Tun, sondern eher von Sein. Hier schließt sich der wilde Kreis dieses spektakulären Wochenendes, denn den Begriff „Compersion“, also Mitfreude, wurde mir durch Karinas Vortrag in Erinnerung gerufen.

Auch hier wurden Übungen gemacht und hinterher folgten kurze Reflexionsrunden. Dabei erklärte ein junger Partner einer spanischen Schönheit, wie schwierig es sei, die Basis für eine solche Sichtweise in der Beziehung herzustellen. Dabei sagte er mit einem resignierenden Schulterzucken: „Flowers build no trust (Blumen schaffen kein Vertrauen)“ worauf ein anderer Mann in einem Borat-Outfit schlagfertig einwarf: „Try more flowers! (Probier’s mit mehr Blumen!)“ ;-D

Consent ist sexy!

Zur Playparty am Sonntagabend kann ich leider nichts sagen. Nicht weil etwa das Treiben zu extatisch, die Szenen zu obszön oder die Geilheit zu juicy gewesen wäre – ich war schlicht nicht dort, die vielen Eindrücke wollten erstmal verarbeitet werden. Ich bin extrem stolz auf mich, denn ich habe die Grundmessage verinnerlicht: Du bist nämlich für dich selbst verantwortlich, für deine Grenzen und du darfst nicht nur Ablehnen, erst dein Nein macht dich glaubwürdig. Erst wer sein Nein kennt, kann wirklich Ja sagen und das macht ihn/sie/es umso attraktiver. All das gehört zum authentisch sein dazu und das ist a hell of sexy!

 

Das Beitragsbild wurde mir freundlicherweise vom Veranstalter zur Verfügung gestellt.

Photographer: Shantel Liao
Kommunikation Sexpositiv Veranstaltung

No comments