Ein Blogartikel inspiriert von der Forschung von Dr. Marie Thouin
Was ist Compersion?
Stell dir vor, dein Partner oder deine Partnerin erzählt dir mit leuchtenden Augen von einem besonderen Moment mit einer anderen Person. Vielleicht einem Date, einem tief gehenden Gespräch oder einer flirtigen Begegnung. In vielen von uns würde sofort ein vertrautes Gefühl anspringen: ein Ziehen im Bauch, der Stich der Eifersucht. Und was wäre, wenn da stattdessen Wärme aufsteigen würde – ein ehrliches Mitfreuen über die Freude des geliebten Menschen? Genau das beschreibt Compersion.
Compersion ist die empathische Freude an der Freude anderer – in Liebesbeziehungen oft dann, wenn der Partner durch eine weitere Verbindung Glück erlebt. Sie öffnet den Raum für Vertrauen, Freiheit und gegenseitiges Wachstum.
Der Begriff wurde in den frühen 1990er-Jahren in einer polyamoren Gemeinschaft in San Francisco geprägt. Doch das dahinterliegende Prinzip ist viel älter. Im Buddhismus wird diese Qualität als Mudita beschrieben: die Freude an der Freude anderer – eine der vier zentralen Herzensqualitäten. Compersion bringt dieses Prinzip mitten in unsere Liebesbeziehungen.
Warum Compersion wertvoll ist
Compersion ist keine Voraussetzung für z.B. CNM (konsensuelle Nichtmonogamie) und entspricht auch keinem ständigen Glückszustand. Aber sie eröffnet eine neue Dimension von Beziehungskultur:
- Tiefe Verbindung: Wenn wir die Freude des anderen teilen können, entsteht ein echtes Gefühl von Partnerschaft und Zusammengehörigkeit.
- Freiheit und Authentizität: Wir müssen uns nicht mehr klein machen oder unsere Wünsche verstecken, sondern dürfen offen über Gefühle und Erlebnisse sprechen.
- Entlastung: Compersion kann deb Druck herausnehmen – niemand muss „alles“ für den Partner sein. Stattdessen entsteht ein Netzwerk von Beziehungen und Ressourcen.
- Wachstum: Indem wir uns unseren Ängsten stellen und gleichzeitig den Blick auf das Positive richten, stärken wir Selbstwert und Vertrauen.
Und das Spannende: Compersion ist nicht nur für polyamore oder offene Beziehungen relevant. Auch in monogamen Beziehungen können wir sie leben – wenn wir uns etwa ehrlich über die beruflichen Erfolge, Freundschaften oder persönlichen Entwicklungsschritte unseres Partners freuen.
Die 6 Elemente, die Compersion fördern
Dr. Marie Thouin hat in ihrer Forschung sechs zentrale Elemente identifiziert, die Compersion möglich machen. Sie sind wie sechs Tore, durch die wir hindurchgehen können, wenn wir Mitfreude kultivieren wollen.
1. Eigene Werte & Haltung
Compersion beginnt mit der Frage: Wie denke ich über Liebe, Freiheit und Bindung? Wer seine Beziehungsform im Einklang mit den eigenen Werten lebt – ob offen oder monogam – kann leichter Freude statt Widerstand empfinden. Wer hingegen aus Angst oder Anpassung in einer Beziehungsform bleibt, stößt schnell an Grenzen.
Übung: Schreibe deine fünf wichtigsten Werte für Beziehungen auf (z. B. Ehrlichkeit, Freiheit, Nähe, Verbindlichkeit, Wachstum). Reflektiere, wie deine aktuelle Beziehung diese Werte stärkt oder herausfordert.
2. Innere Sicherheit & Selbstfürsorge
Eifersucht wurzelt oft in Selbstzweifeln: Bin ich genug? Werde ich ersetzt? Compersion wächst dort, wo wir uns selbst sicher fühlen. Ein stabiler Selbstwert, gesunder Schlaf, Bewegung, bewusste Ernährung und kleine Rituale der Selbstfürsorge schaffen den Boden.
Übung: Notiere drei kleine Alltagspraktiken, die dir helfen, dich in dir zu verankern – etwa ein täglicher Spaziergang, Meditation oder ein liebevoll zubereitetes Essen.
3. Sicherheit in der Beziehung
Vertrauen und Klarheit sind die Basis. Compersion kann nur dort erblühen, wo eine Partnerschaft Sicherheit vermittelt: durch offene Kommunikation, verbindliche Absprachen und die Gewissheit, dass man gewählt und geliebt ist.
Impuls: Führt ein wöchentliches Ritual ein, bei dem ihr drei Fragen besprecht: Was war schön? Was war schwierig? Was wünschen wir uns für die kommende Woche?
4. Wertschätzung gegenüber Metamour(s)
Metamours – also die Partnerinnen der eigenen Partnerinnen – sind in offenen Beziehungen oft die „heiße Zone“ für Eifersucht. Doch wenn wir sie als Bereicherung wahrnehmen, können wir Mitfreude entwickeln. Vielleicht bringt diese Person Leichtigkeit, neue Impulse oder schlicht Freude in das Leben unseres Partners.
Übung: Liste drei Dinge auf, die du an einer Metamour als positiv erkennen kannst – direkt oder indirekt.
5. Erleben von Vorteilen
Eine weitere Beziehung bedeutet nicht automatisch Verlust. Im Gegenteil: Sie kann Entlastung bringen, weil nicht alle Bedürfnisse von einer Person erfüllt werden müssen. Sie kann Inspiration schenken, weil dein Partner Neues erlebt. Und sie kann die gemeinsame Beziehung stärken, weil dein Gegenüber ausgeglichener und erfüllter zurückkommt.
Reflexion: Frage dich: Welche positiven Effekte spüre ich, wenn mein Partner durch eine andere Beziehung genährt ist?
6. Unterstützende Gemeinschaft
Wir wachsen leichter in ein neues Beziehungsbewusstsein hinein, wenn wir nicht allein sind. Bücher, Podcasts, Freundeskreise, Communitys oder professionelle Begleitung bieten Resonanz und Normalisierung.
Impuls: Suche dir mindestens drei Quellen der Unterstützung: einen Menschen, eine Community, ein Medium (Buch, Podcast, Blog), die dir das Gefühl geben, dass du mit deinem Weg nicht allein bist.
Compersion ist kein Muss
Wichtig: Compersion ist kein Zwang und kein Gradmesser dafür, ob man „gut genug“ liebt. Sie ist eine Einladung. Jeder Mensch, jede Beziehung, jeder Moment ist anders. Manchmal wird die Eifersucht stärker sein, manchmal die Mitfreude. Beides darf nebeneinander existieren.
Compersion bedeutet dabei nicht, sich alles schönzureden. Es gibt Kontexte, in denen Mitfreude schwer oder unmöglich ist – etwa wenn Machtungleichgewichte bestehen oder wenn grundlegende Bedürfnisse nicht erfüllt werden. In solchen Momenten geht es nicht darum, Compersion herzustellen, sondern um ehrliche Selbstfürsorge und offene Kommunikation.
Fazit: Die Freude des anderen als Geschenk
Compersion ist die Kunst, das Glück des Menschen, den wir lieben, auch als unser Glück zu empfinden. Manchmal leise und still, manchmal überwältigend groß. Sie lädt uns ein, Beziehungen aus einem Ort der Fülle statt aus Mangel zu gestalten.
Ob in polyamoren, offenen oder monogamen Beziehungen – Mitfreude schafft Weite, Vertrauen und ein Gefühl von Miteinander. Sie kann geübt, kultiviert und genährt werden, Schritt für Schritt.
Quelle:
Dr. Marie Thouin, PhD: The Compersion Handbook
https://www.whatiscompersion.com
Vielleicht beginnt dein Weg zur Compersion heute ganz einfach mit einer Frage:
Wo kann ich mich heute ehrlich mitfreuen?
Herzliche Grüße
Stefanie